top of page

Vom Autopilot zur Ausrichtung: Warum Selbstbestimmung heute eine radikale Praxis ist

  • Autorenbild: Salome
    Salome
  • 9. Juni 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Juni 2025

Es beginnt nicht mit einem Knall. Kein Burnout, kein Schicksalsschlag. Es beginnt leise – in einer jener unscheinbaren Lücken des Alltags, die wir sonst mühelos überblenden. Beim Zähneputzen. In der Stille zwischen zwei Terminen. Oder beim Scrollen durch endlose Inhalte, die keine echte Information mehr tragen. Und plötzlich ist sie da: diese kleine, unbequeme Frage, die sich nicht mehr wegschieben lässt: Warum mache ich das alles eigentlich?


Was sich in solchen Momenten zeigt, ist keine Krise im klassischen Sinne. Es ist eine Verschiebung. Etwas ist nicht mehr stimmig. Vielleicht war es das nie – nur hat der Autopilot lange genug funktioniert, um uns über das Unstimmige hinwegzutäuschen.


Die konditionierte Leere

Neurobiologisch betrachtet lässt sich der gegenwärtige Zustand vieler Menschen als ein dysreguliertes Belohnungssystem beschreiben. Unser Gehirn – komplex und adaptiv – operiert nach Prinzipien, die in evolutionären Kontexten sinnvoll waren, uns heute jedoch in eine chronische Überstimulation führen können. Besonders das dopaminerge System spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Dopamin wird bei neuartigen, potenziell lohnenden Reizen ausgeschüttet – etwa beim Erhalt einer Nachricht, beim Scrollen durch soziale Medien oder beim Konsum kurzer, hochreizarmer Inhalte. Diese Ausschüttung signalisiert dem Gehirn Motivation und Antizipation – aber nicht Befriedigung. Dopamin erzeugt kein Sättigungsgefühl. Es verstärkt den Wunsch, nicht die Erfüllung.

Je häufiger dieser Kreislauf aktiviert wird, desto stärker adaptieren sich die Rezeptoren: Die Belohnungsschwelle steigt, während gleichzeitig die Fähigkeit zur Regulation abnimmt. Dieses neuroadaptive Prinzip ist gut dokumentiert – es findet sich sowohl in der Suchtforschung als auch in Studien zur Aufmerksamkeitsökonomie.


So entsteht ein Teufelskreis: Mehr Reize → mehr Dopamin → Gewöhnung → höhere Schwelle → Reizüberflutung → Erschöpfung.


Die Folge ist eine erhöhte Reiztoleranz bei gleichzeitig sinkender Frustrationstoleranz – ein Zustand, den man als „konditionierte Leere“ bezeichnen kann: permanent aktiviert, aber innerlich ungesättigt. Dabei wird das serotonerge System, das für Ruhe, Zufriedenheit und emotionale Stabilität mitverantwortlich ist, zunehmend untergraben. Serotonin – anders als Dopamin – vermittelt Kohärenz, Ruhe und das Gefühl, „angekommen“ zu sein. Ein dauerhaft überstimuliertes dopaminerges System kann diese serotonergen Prozesse langfristig hemmen – was zu Unruhe, Reizbarkeit, Antriebslosigkeit oder sogar depressiven Verstimmungen führen kann. Diese Entwicklung ist kein individuelles Defizit, sondern ein systemischer Effekt: Digitale Plattformen sind so gestaltet, dass sie neuropsychologische Schwächen ausnutzen, um Aufmerksamkeit zu binden und Verhalten zu beeinflussen. Die Struktur dieser Umwelten konditioniert uns auf Reaktion – nicht auf Reflexion. Und Reaktivität ist neurobiologisch betrachtet eine Form von Kontrollverlust.

Ein selbstbestimmtes Leben in dieser Konstellation zu führen, erfordert daher mehr als gute Absichten. Es verlangt ein bewusstes Gegensteuern – kognitiv, emotional und biologisch.



Der seelische Kompass

Was in diesen stillen Fragen-Momenten fehlt, ist nicht eine bessere App. Nicht ein neuer Zeitplan. Es fehlt eine innere Linie. Eine Ausrichtung, die weiß, was wichtig ist, bevor es dringend wird. Die Orientierung gibt – nicht, weil sie antwortet, sondern weil sie verbindet.

Lebensausrichtung ist kein Ziel. Sie ist ein Zustand. Eine bewusste Haltung, aus der heraus Entscheidungen entstehen – nicht als Reaktion, sondern als Ausdruck von Tiefe. Sie ist kein Plan, sondern ein Prozess. Kein Tool, sondern eine seelische Spur, die wieder sichtbar wird, wenn wir aufhören, uns selbst zu überblenden.

In meinem Buch Vom Statist zum Aktivist beschreibe ich diesen Wandel als Rückkehr zur Verantwortung. Nicht im moralischen Sinn. Sondern im existenziellen: Verantwortung für den inneren Zustand. Für den Umgang mit Zeit, Reiz, Energie. Für die Wahl der Richtung.


Was trägt, wenn alles andere fällt?

Die Logotherapie Viktor Frankls liefert dafür einen klaren Rahmen. Frankl, Überlebender der Konzentrationslager, wusste um die radikale Kraft von Sinn. Er schrieb: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Sinn, so Frankl, ist keine Luxuskategorie – sondern existenzielle Notwendigkeit. Er entsteht durch drei Wege:


  1. Schöpferisches Tun

  2. Erleben von Werten

  3. Bewusste Haltung zum Unvermeidlichen


Sinn ist dabei nichts Abstraktes. Er zeigt sich konkret – in Handlungen, Beziehungen, Entscheidungen. Nicht als Ziel – sondern als Stimmigkeit zwischen Innen und Außen.

Und genau das ist Ausrichtung: eine Antwort, die nicht auf der Zunge liegt, sondern im Körper spürbar wird. Ein Zustand, in dem Denken, Fühlen und Handeln sich gegenseitig nicht stören – sondern tragen.


Reizreduktion ist kein Rückzug

Wer heute seine Aufmerksamkeit schützt, gilt schnell als weltfremd. Doch vielleicht ist Reizreduktion gerade die radikalste Form von Präsenz. In einer Welt, die alles dafür tut, unsere Autonomie zu untergraben, wird innere Ausrichtung zur subversiven Praxis.

Es beginnt nicht mit großen Gesten. Es beginnt damit, morgens nicht als Erstes das Handy in die Hand zu nehmen. Es beginnt damit, das eigene Warum wichtiger zu nehmen als das nächste Was. Es beginnt mit der Entscheidung, sich selbst wieder als aktiven Teil des eigenen Lebens zu begreifen – statt als Funktion in einem fremden Skript.


Werkzeuge als Spiegel – nicht als Lösung

Natürlich gibt es Methoden. Sie sind hilfreich, solange sie nicht zum Selbstoptimierungsersatz werden:


  • Das Lebensrad kann helfen, Ungleichgewichte sichtbar zu machen.

  • Wertearbeit bringt Dich in Kontakt mit dem, was Du nicht verhandeln willst. (Alle, die mich kennen, wissen, wie relevant für mich Wertearbeit in der Selbstführung ist.)

  • Die Zukunfts-Ich-Visualisierung schafft emotionale Verbindungen zu Deinem möglichen Leben.

  • Die WOOP-Methode hilft, zwischen Wollen und Handeln Brücken zu bauen.


Doch all diese Werkzeuge funktionieren nur, wenn Du nicht versuchst, Dich damit „besser“ zu machen. Sondern wenn Du bereit bist, Dir zu begegnen. Nicht als Projekt. Sondern als Mensch.


Und genau hier beginnt Selbstbestimmung. Nicht in der Wahl zwischen Option A und B, sondern in der Fähigkeit, eine Richtung zu wählen, die kohärent ist mit dem, was Dich im Innersten bewegt. Diese Kohärenz ist kein Zufall – sie ist eine Kompetenz. Und wie jede Kompetenz verlangt sie Training, Reflexion, Rückschläge. Sie wächst, wenn Du bereit bist, Verantwortung zu übernehmen – nicht für alles, aber für das, was Du beeinflussen kannst: Dein Denken, Dein Verhalten, Deine Ausrichtung.


Verantwortung für unsere Gehirnchemie übernehmen

Selbstbestimmtes Leben bedeutet auch, Verantwortung für den eigenen Neurohaushalt zu übernehmen. Es geht nicht darum, Dopamin zu „vermeiden“ – sondern darum, bewusst damit umzugehen. Wer seine Aufmerksamkeit schützt, schützt auch seine emotionale Balance. Was kannst Du konkret tun?


🧘 1. Digitale Fastenzeiten einführen

Plane regelmäßig Zeitfenster ohne Smartphone oder digitale Reize. Schon 1–2 Stunden täglich ohne Scrollen wirken spürbar regulierend auf Dein Nervensystem.


Wenn es Dir schwerfällt, direkt zu verzichten, nutze eine Wenn-dann-Strategie aus dem Verhaltens-Chaining: „Wenn ich morgens meinen Kaffee trinke, dann lasse ich mein Handy im Nebenraum und lese zehn Minuten in einem Buch. “Oder: „Wenn ich mich abends ins Bett lege, dann schalte ich mein Handy in den Flugmodus und schreibe drei Sätze in mein Notizbuch.“


Solche klaren Verknüpfungen helfen Deinem Gehirn, neue Gewohnheiten zu etablieren – nicht als Verzicht, sondern als Orientierung.


✍️ 2. Tiefes Tun fördern

Statt Dich von flüchtigen Reizen berieseln zu lassen, schaffe Dir Räume für fokussierte, sinnvolle Tätigkeiten: Schreiben, Lesen, Kochen, Gärtnern, Musik machen. Diese Aktivitäten aktivieren das Belohnungssystem auf nachhaltige Weise – ohne Reizüberflutung.


☀️ 3. Natürliche Dopaminquellen nutzen

Bewegung, Sonnenlicht, soziale Verbundenheit, bewusstes Genießen – all das reguliert Deinen Dopaminspiegel sanft. Es hilft Dir, wieder auf Deine natürliche Erregungskurve zurückzukommen.

Ein Blick in die Forschung bestätigt das: Eine Metaanalyse von 22 Studien zeigt, dass Gärtnern signifikant mit geringerer Depressions- und Angstbelastung, weniger Stress und Müdigkeit sowie höherer Lebenszufriedenheit, kognitiver Leistungsfähigkeit und Gemeinschaftsgefühl verbunden ist (Soga et al., 2017, Preventive Medicine Reports). Diese Effekte gehen über körperliche Aktivität hinaus: Gärtnern wirkt regulierend auf das Nervensystem, stärkt emotionale Resilienz und fördert neurobiologische Regeneration.


💭 4. Reflektieren statt reagieren

Frage Dich regelmäßig:

  • Warum greife ich gerade zum Handy?

  • Wonach suche ich eigentlich?

  • Was brauche ich stattdessen wirklich?

Diese Mini-Pausen helfen Dir, Dich aus der Konditionierung zu lösen – und Dich wieder mit Deiner Absicht zu verbinden.


Fazit: Präsenz statt Perfektion

Ein erfülltes Leben ist kein Dauerhoch. Es ist ein Zustand der Verbindung – zu Dir selbst, zu dem, was für Dich zählt. Vielleicht ist es weniger ein Weg der Steigerung als ein Weg der Erinnerung: Wer bist Du, jenseits der Anforderungen? Was trägst Du – jenseits der Rollen?

Du brauchst keine perfekte Vision. Nur ein leises Ja zur Richtung. Und vielleicht den Mut, Dich dieser Richtung immer wieder neu zuzuwenden – trotz Zweifel, trotz Ablenkung, trotz Unruhe.


Denn das ist Selbstbestimmung: Nicht immer alles im Griff zu haben, sondern sich bewusst auszurichten – mitten im Chaos.


Dein nächster Schritt?

Nimm Dir zehn Minuten. Mit Stille. Mit einem Stift. Genieße dabei eine Tasse Illuminatea – wo Erkenntnis auf Genuss trifft – und erleuchte Dir Deinen Weg zur Selbsterkenntnis. Und stelle Dir drei Fragen:


  • Was will ich wirklich?

  • Was ist meine Richtung?

  • Was ist mein nächster, kleiner Schritt?


Herzliche Grüße,

Deine Illuminatorin,

Salome


 
 
 

Kommentare


bottom of page