top of page

Die Leere als Quelle: Durch Loslassen die wahre Intimität mit dem Leben erfahren

  • Autorenbild: Nathalie
    Nathalie
  • 9. Apr. 2025
  • 8 Min. Lesezeit

Intimität mit dem Leben beginnt mit Loslassen Das Leben selbst – in seinem ursprünglichsten Sinn – ist nicht das, was wir greifen oder benennen können. Es entzieht sich jeder Fixierung. Denn dort, wo wir zu halten versuchen, entsteht Starrheit. Und wo Starrheit herrscht, endet Bewegung. Wer also versucht, das Leben zu bewahren, indem er es festhält, hält nicht das Leben, sondern nur dessen Form. Es ist, als würde man atmen wollen, ohne auszuatmen – eine paradoxe Bemühung, die unausweichlich zur Erstarrung führt.

In Wahrheit trennt uns das Festhalten vom Leben. Denn alles Greifen – nach Sicherheit, nach Identität, nach Verstehen – schafft eine Distanz zur lebendigen Erfahrung selbst. Was wir halten wollen, verwandeln wir in ein Objekt. Und indem wir es zum Objekt machen, verlieren wir die unmittelbare Berührung. Das Festhalten errichtet eine Barriere zur Intimität mit dem Leben. Es ersetzt Beziehung durch Kontrolle, Nähe durch Begriff, Sein durch Konzept.

Das Leben verlangt keine Kontrolle. Es verlangt kein Wissen. Es verlangt kein Festhalten. Es will nur erfahren werden – unmittelbar, offen, in jener stillen Empfänglichkeit, aus der jede Form hervorgeht. Und diese Empfänglichkeit beginnt dort, wo das Festhalten endet.


Über das Spiel von Form und Leere

In einer Welt, die uns von Formen, Gedanken und Unterschieden umgibt, erkennen wir oft eine tief empfundene Trennung zwischen „Ich“ und „Du“, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten. Doch was, wenn diese Trennungen nur ein Spiel der Formen sind – ein Tanz auf der Oberfläche des Bewusstseins?

Was wäre, wenn wir durch radikales Loslassen all dessen, was wir zu wissen glauben, zu einem tieferen Wissen gelangen könnten – einem Wissen, das jenseits von Gedanken, Kategorien und Unterscheidungen existiert? Ein Wissen, das gleichzeitig alles umfasst und dennoch hinter allem liegt? Diese Fragen führen uns zu einem faszinierenden Gedanken von George Spencer Brown, einem britischen Mathematiker und Philosophen, der in seinen Werken über das „Nichts“ und die Macht der Unterscheidung nachdachte.

Spencer Browns Überlegungen resonieren in vielerlei Hinsicht mit der buddhistischen Philosophie – besonders mit den Konzepten von Leere und Nicht-Anhaftung, die im Zen- und Dzogchen-Buddhismus zentrale Rollen spielen. In dieser Resonanz zwischen westlicher Wissenschaft und östlicher Weisheit entdecken wir eine tiefere Wahrheit: Der Weg zum Ursprung führt nicht über Wissen und Kontrolle, sondern durch Loslassen und die Rückkehr zur Leere – dem Raum, in dem alles entsteht und gleichzeitig vergeht.

George Spencer Brown und das „Nichts“

In seinem Werk Laws of Form (1969) stellt George Spencer Brown eine radikale Theorie über die Entstehung der Welt vor. Im Zentrum seiner Überlegungen steht ein einfacher, aber tiefgreifender Gedanke: Alles beginnt mit einer Unterscheidung. Für Spencer Brown ist die Welt nicht etwas Vorgefundenes, das unabhängig von unserer Wahrnehmung existiert, sondern etwas, das im Akt der Differenzierung entsteht.

Eine Unterscheidung bedeutet, dass eine Grenze gezogen wird – eine Markierung. Etwas wird als „dies“ erkannt und damit von „jenem“ unterschieden. Es ist der erste Akt des Formens: Dies hier – und nicht das dort. Durch diesen Akt entsteht nicht nur ein Inhalt, sondern auch ein Rahmen, in dem Inhalt überhaupt erst sichtbar wird. In dem Moment, in dem wir etwas als „innen“ bestimmen, entsteht automatisch ein „außen“. Jeder Sinn, jede Bedeutung, jede Struktur entsteht durch diesen fundamentalen Akt der Trennung.

Spencer Browns Gedanke reicht noch tiefer. Er interessiert sich nicht nur für die Unterscheidung selbst, sondern auch für das, was ihr vorausgeht. Was ist da, bevor überhaupt unterschieden wird? Was liegt vor dem ersten „Ja“ und „Nein“, vor dem ersten „Ich“ und „Nicht-Ich“? Seine Antwort ist ebenso einfach wie radikal: das Nichts. Bevor eine Form erscheinen kann, muss ein leerer Raum da sein, in dem sie sich zeigen kann. Spencer Brown nennt diesen Raum den „unmarked space“ – den nicht-gekennzeichneten Raum. Er ist das namenlose, formlose Feld, in dem jede mögliche Unterscheidung potentiell enthalten ist, ohne sich bereits zu manifestieren. Und paradoxerweise kann nur dieses Nichts – gerade weil es nichts ist – empfänglich genug sein, um jede Form hervorzubringen. Er schrieb: „Ich erkannte, dass das einzige Ding, das empfindlich genug wäre, um von einem Reiz, der so schwach ist, dass er gar nicht existiert, beeinflusst zu werden, das Nichts selbst war.“ (A Lion’s Teeth, 1995). Mit dieser Aussage verschiebt sich der Blick: Die Unterscheidung ist nicht nur ein Werkzeug des Denkens – sie scheint die Bedingung für die Entstehung von Welt zu sein. Doch sie steht auf dem Boden eines stillen, ungeformten Davor. Es ist dieser Übergang vom unmarkierten Raum zur ersten Form, der für Spencer Brown den Ursprung von Sinn, Erfahrung und Wirklichkeit markiert.

Damit wird sichtbar: Welt ist nicht gegeben. Sie ist gemacht – in jedem Moment, durch jeden Akt der Differenzierung. Und alles, was wir sehen, sagen, denken oder fühlen, steht bereits auf der Grundlage dieses einen, unscheinbaren, schöpferischen Akts: der Unterscheidung.

Die Figur des Beobachters – Erzeugend und Erzeugter

Peter Fuchs, ein Systemtheoretiker und Schüler von Niklas Luhmann, greift Spencer Browns Konzept der Unterscheidung auf und überträgt es auf das Verständnis des „Beobachters“. In seiner Arbeit beschreibt er Beobachtung nicht als linearen Akt, in dem ein Subjekt ein Objekt wahrnimmt, sondern als einen grundlegend zirkulären Prozess. Der Beobachter erschafft durch die Unterscheidungen, die er trifft, eine Welt – eine bestimmte Ordnung von Sinn, Bedeutung und Differenz. Doch zugleich wird der Beobachter selbst erst durch genau diese Unterscheidungen konstituiert.

Er ist also nicht schon vorher da, um dann zu beobachten. Vielmehr entsteht er im Moment der Beobachtung – als ein Effekt seiner eigenen Differenzsetzung. Der Beobachter bringt Welt hervor, indem er unterscheidet, aber die Welt, die dadurch entsteht, bringt gleichzeitig ihn als Beobachter hervor. So entsteht eine Schleife: Beobachtung erschafft den Beobachter, und der Beobachter erschafft durch Beobachtung eine Welt, durch die er sich wiederum als Beobachter erkennt. Dieses Wechselverhältnis ist nicht hierarchisch und kennt keinen Ursprungspunkt. Es gibt keinen festen Beobachter „hinter“ der Beobachtung, genauso wenig wie es eine Welt „jenseits“ der Beobachtung gibt.

Der Beobachter ist damit nicht bloß ein erkenntnistheoretisches Subjekt, sondern eine Figur, die sich selbst aus dem Akt des Unterscheidens heraus erzeugt – erzeugend erzeugt, wie Fuchs (2003) es formuliert. Beobachtung ist somit kein Zugriff auf ein Außen, sondern ein sich selbst referierender Prozess, in dem Welt und Selbst gleichzeitig entstehen. Jede Beobachtung ist eine Schleife, in der sich Unterscheidung und Identität, Form und Selbstbezug, Erkenntnis und Konstruktion unentwirrbar ineinander verflechten. In dieser radikalen Zirkularität verschwindet der stabile Boden unter dem Beobachter – was bleibt, ist Bewegung: ein ständiges Hervorgehen und Zurückfallen, ein Spiel ohne Ursprung, aber mit Struktur.

Buddhismus und die Leere – Wer erkennt, dass nichts erscheint

Spencer Browns Denken erinnert in vielerlei Hinsicht an die zentrale Lehre des Buddhismus, insbesondere der Zen- und Dzogchen-Traditionen. In diesen Philosophien ist das Konzept der Leere von zentraler Bedeutung. Leere bedeutet hier nicht das Fehlen von Existenz, sondern das Fehlen eines festen, unveränderlichen Kerns in den Dingen. Die Erscheinungen, die wir in der Welt wahrnehmen, sind nicht von sich aus real – sie sind „leer“ von eigenem Sein. Spencer Brown drückt diese Sichtweise in A Lion’s Teeth (1995) mit den Worten aus: „Ein Buddha ist jemand, der erleuchtet ist, das heißt, der weiß, dass das, was erscheint, überhaupt nichts ist.“

Was bedeutet das? Die Welt der Formen ist womöglich nicht das, was sie zu sein scheint. Sie ist leer von eigenem Sein. Unser „Ich“ – dieses scheinbar feste, unveränderliche Selbst – ist eine momentane Erscheinung von Gedanken, Erinnerungen und Zuschreibungen. „Erleuchtung“ im buddhistischen Sinne bedeutet, zu erkennen, dass alles, was erscheint, leer ist – und doch gleichzeitig präsent ist. Diese Erkenntnis kann uns zurückführen zu einem Zustand der Freiheit, in dem wir die Welt nicht mehr durch die Begrenzungen unserer eigenen Vorstellungen wahrnehmen.

Zurückkehren zum Nichts – Durch Loslassen

Der Weg zu dieser Erkenntnis führt jedoch nicht über mehr Wissen oder den Versuch, uns selbst zu perfektionieren. Es ist ein Weg des Loslassens. Loslassen von unseren Konzepten, unseren festen Vorstellungen und unserer Anhaftung an das, was wir glauben zu wissen. Dies kann beispielsweise anhand der folgenden Ansätze praktiziert werden:

1. Loslassen von Konzepten

Der erste Schritt besteht darin, zu erkennen, dass all das, was Du zu wissen glaubst, nur eine Unterscheidung ist. Jedes „Ich bin“, jede Meinung, jede Bewertung ist nur eine Form, die wir der Welt auferlegen. Wenn Du diese Formen still beobachtest und sie nicht mehr für die Wahrheit hältst, beginnst Du, Dich von ihnen zu lösen.

2. Beobachte den Beobachter

Ein radikalerer Zugang zur Leere ist die Praxis, Dich selbst zu beobachten. Wer ist derjenige, der gerade diese Gedanken hat? Wer nimmt diese Welt wahr? Wenn Du diese Fragen offen lässt, ohne eine sofortige Antwort zu finden, kannst Du in einen „Raum” zurückkehren, der jenseits von Ich und Denken liegt. In diesem Raum bist Du nicht der Beobachter – sondern der „Raum” selbst, der allem Raum gibt.

3. Meditiere auf Leerheit

Die Meditation auf Leere, wie sie im Zen praktiziert wird, führt Dich zu einem tiefen Verständnis des „Nichts“ und seiner Verbindung mit allem, was existiert. In dieser Praxis lässt Du alle Gedanken und Gefühle kommen und gehen, ohne Dich mit ihnen zu identifizieren oder an ihnen festzuhalten. Stell Dir vor, Du bist der weite Himmel, und Deine Gedanken sind wie Wolken, die vorüberziehen – sie kommen und gehen, ohne dass Du sie festhältst oder kontrollierst. Mit jedem Moment der Meditation vertiefst Du das Bewusstsein, dass alles, was Du wahrnimmst, aus der gleichen Leere hervorgeht. Du bist nicht getrennt von dieser Leere, sondern ein Teil von ihr. Sie ist die Grundlage allen Seins – sie ist der Raum, in dem alles entsteht und wieder vergeht. In der Stille der Meditation erkennst Du: Alles entsteht aus diesem „Nichts“, und dieses „Nichts“ ist nicht etwas, das Du besitzt, sondern das, was alles miteinander verbindet.

Zazen: Die Praxis des Loslassens

In der Praxis des Zazen aus dem Zen-Buddhismus wird das Loslassen ganz konkret erlebbar. In Zazen, wie es von Deshimaru (1982) gelehrt wird, geht es nicht darum, den Geist zu kontrollieren oder das Denken zu stoppen. Es ist eine Praxis des Loslassens – von Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen. Die äußere, körperliche Haltung ist aufrecht, ruhig und entspannt und die Atmung geht in den Unterbauch (Zwerchfellatmung). Die innere, geistige Haltung ist durch Wachsamkeit ausgezeichnet. Deshimaru beschreibt Zazen als einen Zustand der vollkommenen Offenheit. Du lässt die Gedanken kommen und gehen, ohne Dich an sie zu klammern. Es ist nicht wichtig, was Du denkst; es geht darum, das Denken zu beobachten, ohne es zu bewerten oder in Geschichten zu verfallen. Du lässt die Gedanken zu, aber du lässt sie ebenso schnell wieder los, ohne dich mit ihnen zu identifizieren.


Das Loslassen in Zazen ist jedoch nicht passiv. Es bedeutet, bewusst aus der Gewohnheit herauszutreten, sich mit den Gedanken zu verbinden und ihnen Bedeutung zuzuschreiben. Du lässt Deine Erwartungen und Vorstellungen los, lässt den Drang, etwas zu erreichen oder zu kontrollieren, hinter Dir. Du übst, in der Einfachheit des Seins zu verweilen, ohne zu streben oder zu urteilen. Dies ist der Zustand des „nicht-handeln“ (wu wei), der von Deshimaru betont wird – ein Handeln ohne die Absicht des Handelns, ein Sein ohne das Bedürfnis, etwas zu tun.

Zazen ist daher nicht nur eine Praxis der Achtsamkeit und Präsenz, sondern auch eine Praxis der Akzeptanz und Hingabe. Du akzeptierst den Moment in seiner Ganzheit und lässt alles los, was nicht wirklich zu diesem Moment gehört – alle Vorstellungen, Wünsche und Bewertungen. In dieser Haltung der Hingabe erlebst Du, dass Du nicht Deine Gedanken, Gefühle oder Deine Körper bist, sondern das, was unberührt bleibt, auch wenn alles um Dich herum sich verändert.

Mit der Zeit führt diese Praxis des Loslassens zu einem Zustand der Klarheit und des inneren Friedens. Du wirst immer weniger von äußeren und inneren Störungen beeinflusst und entwickelst ein tiefes Vertrauen in den natürlichen Fluss des Lebens. In diesem Zustand des Loslassens erkennst Du, dass es keine Trennung zwischen Dir und der Welt um Dich herum gibt – Du bist Teil des Flusses, der sich selbst entfaltet.


Fazit: Der Weg des Loslassens

Das Loslassen führt uns nicht in eine Leere des Nichts, sondern in eine tiefere, unmittelbare Verbindung mit dem Leben selbst. Es ist kein Verzicht, sondern eine Öffnung – ein Loslösen von den Konzepten und Strukturen, die uns von der lebendigen Erfahrung trennen. Wenn wir lernen, nicht mehr an Gedanken, Emotionen oder festen Vorstellungen zu klammern, öffnet sich der Raum für eine authentische, lebhafte Präsenz im Moment. In dieser Leere, die nicht das Fehlen von etwas ist, sondern der Raum, in dem alles entsteht, erfahren wir die wahre Intimität mit dem Leben in seiner reinsten Form. In diesem Zustand des Loslassens erkennen wir: Das Leben verlangt keine Kontrolle, kein Wissen, kein Festhalten. Es will nur erfahren werden – unmittelbar, offen, in jener stillen Empfänglichkeit, aus der jede Form hervorgeht.

In diesem Sinne: Genieße Dein losgelöst-Sein und die Klarheit, die aus der unvoreingenommenen Präsenz im Moment erwächst – sowie eine Tasse Illuminatea, die Dich einlädt, im Raum der Stille zu verweilen. Herzliche Grüße, Deine Illuminatorin, Nathalie





 
 
 

Kommentare


bottom of page